Theater auf der Höhe
der Medientechnik.
Die "Elektrifizierung
der Bühne" seit Brecht. [1994]
(Markus Wessendorf, University
of Hawai’i at Manoa)
Auf die rasante technologische Entwicklung in diesem Jahrhundert, insbesondere auf dem Sektor der elektronischen Medien und der Computertechnologie, hat das Theater mit künstlerischen Strategien reagiert, die sich überwiegend als globale Ablehnung oder distanzlose Affirmation der Technik charakterisieren lassen. Obwohl das Theater sich bereits sehr früh in seiner Geschichte technischer Mittel bedient hat, um die Wirkung der szenischen Darbietung zu verstärken, führt erst in diesem Jahrhundert eine exponential fortschreitende Technik zu der Infragestellung des tradierten gesellschaftlich-ästhetischen Begriffes, wenn nicht gar der Möglichkeit von Theater überhaupt als eigenständiger (wenn auch zusammengesetzter) Kunstform.
Brecht
hielt ein Theater für notwendig, daß auf der Höhe des jeweils
naturwissenschaftlichen Erkenntnisstandes seiner Zeit wäre. Mit dieser Konzeption
gehört Brecht zu den Denkern des Theaters in diesem Jahrhundert, die den
technologischen Fortschritt der
Moderne nicht von vornherein mit einem abweisenden Gestus von der Bühne
verwiesen, sondern sie im Gegenteil als Herausforderung für das Theater
und dessen gesellschaftliche Standortbestimmung begriffen haben.
Im
Rückgriff auf Brechts Vortrag "Über experimentelles
Theater" (1939) und die Medientheorie Marshall McLuhans, insbesondere in
ihrer Relevanz für das experimentelle amerikanische Theater der sechziger
bis achtziger Jahre, möchte ich vor dem Hintergrund der sich
gegenwärtig vollziehenden Durchdringung noch der letzten persönlichen
und gesellschaftlichen Freiräume durch Medien die Frage aufwerfen, ob
heute noch ein experimentelles Theater möglich bzw. denkbar ist, das die
technologische Entwicklung als
kreative Herausforderung begreift, oder ob diese nicht vielmehr den Begriff
eines Theaters, das auf der technischen Höhe seiner Zeit wäre,
erledigt hat.
Brecht
entwickelt die Konzeption eines experimentellen Theaters in seinem Vortrag von
1939 von zwei Richtungen ausgehend: zum einen leitet Brecht den Begriff des
experimentellen Theaters logisch her. Er geht dabei von der Forderung aus,
daß das Theater den jeweils wissenschaftlich-technologischen
Erkenntnisstand der Gegenwart reflektieren müsse. Da er diesen in der
Atomphysik repräsentiert sieht, folgt daraus für ihn die
Übernahme der experimentellen Verfahrensweise in den Naturwissenschaften als Arbeitsmethode für das
Theater. Zum anderen entwickelt Brecht den Begriff empirisch durch die
Auswertung der im Theater bislang erfolgten Experimente, deren Geschichte er
knapp darstellt und zusammenfaßt.
Auf
die für die naturwissenschaftliche Forschung übliche experimentelle
Arbeitsweise als Modell für seine eigene Theaterarbeit bezieht sich Brecht
bereits gegen Ende der zwanziger Jahre: sowohl das Lehrstück als auch die
Parabel sollen nach dem Prinzip des naturwissenschaftlichen Experimentes
funktionieren. Sie sollen eine Art Versuchsaufbau darstellen, bei dem die
Erkenntnis des Funktionierens gesellschaftlicher Prozesse nicht von vornherein
vorausgesetzt ist, sondern sich erst im Laufe des Versuches einstellt, wobei
dieser nur dann als gelungen gelten kann, wenn das Resultat einer Überprüfung
an der Wirklichkeit standhält. Es wird also mit isolierten Vorgängen
und Teilprozessen der Wirklichkeit ein Modell konstruiert, das die bislang
nicht unmittelbar zu durchschauenden Funktionsprozesse der Gesellschaft
sichtbar machen und zugleich in der (Lebens-) Praxis anwendbar sein soll. Auf
der einen Seite soll die unerkannte Wirklichkeit erst im Experiment einsichtig
werden, auf der anderen Seite impliziert die Auswahl der Komponenten, aus denen
sich der Versuchsaufbau zusammensetzt, bereits eine ideologische - nämlich
marxistische - Voreinstellung auf die Realität, deren Infragestellung
nicht zu den von Brecht vorgesehenen Strategien der Rezeption und Reproduktion
seiner Stücke gehört.
Auch wenn Brecht den Naturwissenschaften ein Strukturmodell entlehnt, das er analog im Theater realisiert sehen möchte, stellen sie für ihn kein idealtypisches und jeglicher Kritik enthobenes Paradigma dar, sondern enthalten ganz im Gegenteil ein gewaltiges destruktives Potential, das erst durch die Erkenntnis gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge und deren Vermittlung durch das Theater gebändigt werden kann.
Die Kenntnis der Natur der Dinge, so sehr und so
ingeniös vertieft und erweitert, ist ohne die Kenntnis der Natur des
Menschen, der menschlichen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, nicht imstande,
die Beherrschung der Natur zu einer Quelle des Glücks für die
Menschheit zu machen. Weit eher wird sie zu einer Quelle des Unglücks.[1]
Brecht realisiert durchaus, daß er in einem
technischen Zeitalter lebt, in dem nicht nur die erste Atomspaltung gelungen,
sondern auch das menschliche Subjekt selbst Spaltungsprozessen unterworfen ist.
Der ins Theater kommende Zuschauer ist ein durch soziale Reibungen
abgestumpfter Flüchtling, ein im metaphysischen Sinne zerstreutes Wesen.
Brecht weist dem Theater die Aufgabe zu, sowohl den sozialen
Verfallsprozessen als auch den
negativen Folgen der Technik Einhalt zu gebieten, und zwar, indem diese von
vornherein stärker in die gesellschaftlichen als auch theatralen
Produktionsprozesse integriert werden soll. Schon 1939 moniert Brecht,
daß Erwin Piscators Versuch einer "Elektrifizierung der
Bühne", der Verwendung "beinahe alle[r] neueren technischen
Errungenschaften [...], um die großen modernen Stoffe auf die Bühne
zu bringen"[2], vom internationalen Theater nicht aufgegriffen
worden und fast in Vergessenheit geraten sei. Das von ihm selbst gegen Ende der
vierziger Jahre gegründete Berliner Ensemble fällt dann weit hinter
seine eigenen Versuche und Konzepte in den zwanziger Jahren zurück, das
"Theater im allgemeinen auf den Standard der modernen Technik"[3] zu bringen. Nach 1945 bestand kein Grund für
Technikgläubigkeit. Zu ungeheuerlich waren das Ausmaß und die
Auswirkungen der im 2. Weltkrieg zur Massenvernichtung eingesetzten Technik,
als daß man sie der Dramaturgie eines neuen Theaters noch als Paradigma
hätte zugrundelegen können.
In
den sechziger Jahren erscheinen die ersten medientheoretischen Bücher Marshall McLuhans, in denen er Medien
als Erweiterungen der menschlichen Sinnesorgane und Gliedmaßen
definiert. Er beschreibt den status quo einer technifizierten Welt, in der Verhaltensweisen,
Äußerungen und Wahrnehmungen von Medien strukturiert sind, als
globales Dorf. Laut McLuhan sind Medien keine "unschuldigen" Mittel,
die unabhängig von ihrem Zweck gedacht werden können. Sie sind keine
Geräte, die aus einer neutralen Distanz wahrgenommen werden können,
weil die Wahrnehmung und der menschliche Alltag selbst immer schon durch sie
beeinflußt und vorstrukturiert sind. Die spezifische Art der Ausrichtung
von Wahrnehmung und Lebensweisen auf das jeweilige Medium hin nennt McLuhan
dessen eigentliche Botschaft, eine Botschaft, die der kommunizierten
Information vorgängig ist. Die Botschaft der Eisenbahn als Medium besteht
nicht darin, wen oder was sie transportiert, sondern darin, daß sie neue
Städte und Freizeitformen möglich gemacht hat. Die Medienbotschaft
des elektrischen Lichts z.B. ist nicht, daß es Operationsräume und
Theateraufführungen erhellt, sondern daß es in vielen
Lebensbereichen die Unterscheidung zwischen Tag und Nacht irrelevant
gemacht und damit neue Arbeitsformen begründet hat.
McLuhan
diagnostiziert 1964 einen technologischen Epochenwechsel vom Zeitalter der
Maschinen zur Elektronik. Das Maschinenzeitalter, das für McLuhan durch
die Alphabetisierung des Menschen eingeleitet wurde, zeichnet sich durch ein
Denken in zeitlichen Abfolgen aus, wohingegen im elektrischen Zeitalter Aktion
und Reaktion fast gleichzeitig erfolgen.
Wir haben die Kunst gelernt, die gefährlichsten
gesellschaftlichen Unternehmungen mit vollkommener Objektivität
durchzuführen. Aber unsere Objektivität war eine Einstellung des
Nichtbeteiligtseins. Im elektrischen Zeitalter, das unser Zentralnervensystem
technisch so sehr ausgeweitet hat, daß es uns mit der ganzen Menschheit
verflicht und die ganze Menschheit in uns vereinigt, müssen wir die
Auswirkungen jeder unserer Handlungen tief miterleben. Es ist nicht mehr
möglich, die erhabene und distanzierte Rolle des alphabetischen westlichen
Menschen weiterzuspielen.[4]
Brecht ist nach dieser Definition eindeutig ein Fossil
des Maschinenzeitalters. Dafür spricht nicht nur seine Dramaturgie des
Montageverfahrens, sondern ebenfalls der Verfremdungseffekt und die Forderung
nach einer kritischen Haltung des Zuschauers, der eben gerade nicht mit der
ganzen Person beteiligt sein soll. In einer Epoche, in der Medien Information
so schnell übertragen, daß die Wahrnehmungsschwellen und
Kontrollmöglichkeiten des Rezipienten unterlaufen werden, wird es zudem schwieriger,
eine aufmerksame kritische Haltung einzunehmen. Brechts Prämisse einer
bewußt gesteuerten Verwendung von technischen Apparaten (z.B. im
Lehrstück) ist deshalb unrealistisch, weil Medien nach McLuhan zum einen
nicht von ihren Eigenschaften abstrahierbare Geräte sind, zum anderen
immer schon den gesamten "psychischen Apparat" (Freud) des Menschen
involvieren und somit jeglichen Versuch einer objektiven Kontrolle unterlaufen.
Brecht
forderte in seiner in den zwanziger Jahren konzipierten Radiotheorie eine
"bessere [...] Verwendung der [technischen] Apparate im Interesse der
Allgemeinheit", nämlich aus dem Rundfunk den "denkbar
großartigste[n] Kommunikationsapparat des öffentlichen
Lebens"[5] zu machen, "ein Kanalsystem, das [...] nicht nur
auszusenden, sondern auch zu empfangen" in der Lage wäre, das
"den Zuschauer nicht nur hören, sondern auch sprechen [...]
machen"[6], ihn also nicht isolieren, sondern in Beziehung zu
anderen setzen würde. Vier Jahrzehnte später ist das Fernsehen das
führende Massenmedium in Amerika und Europa. Im Gegensatz zu Brecht jedoch
erklärt McLuhan die Diskussion darüber, inwieweit das neue Medium
vergesellschaftet und damit zur public domain werden kann, von vornherein für
überflüssig, weil längst durch dieses selbst beantwortet. Die
Botschaft des Fernsehens als Medium besteht nämlich laut McLuhan in der
Verkündigung einer neuen politischen Öffentlichkeit und
Partizipation, "und zwar in Formen, die wir noch nicht wahrgenommen
haben."
Die Öffentlichkeit im Sinne einer allseitigen
Übereinstimmung einzelner und gesonderter Standpunkte ist erledigt. Heute
kann das Massenpublikum, das die "Öffentlichkeit" ablöst,
als eine schöpferische, anteilnehmende Kraft verwendet werden. [...]
Das Wohnzimmer ist zur Wahlkabine geworden. Die Teilnahme - über das
Fernsehen - an Freiheitsmärschen, an Kriegen, Revolutionen, Wasser- und
Luftverschmutzungen und anderen Ereignissen verändert alles. [...] In einer elektrischen Informationswelt
können Minderheiten nicht mehr abgesondert, ignoriert werden. Allzu viele
Menschen wissen allzuviel voneinander. Unsere neue Umwelt fordert Engagement
und Teilnahme. Unwiderruflich sind wir aneinander beteiligt und
füreinander verantwortlich geworden.[7]
Selbstverständlich sieht auch McLuhan, daß
das Fernsehen seiner Zeit überwiegend "Konsumprodukte zur passiven
Unterhaltung" anbietet, macht dafür jedoch die Politik
verantwortlich, welche "Antworten von gestern auf Fragen von heute"
gibt, d.h. unter längst vergangenen Medienbedingungen operiert.
Für
McLuhan ist Krieg der Versuch, zu einem Ausgleich zwischen ungleichen
Technologien zu kommen. Der implizite kriegstechnische Wesenszug aller Medien
kann deshalb nur dadurch eingedämmt werden, indem der zivilen globalen
Dorfgemeinschaft sämtliche - auch technischen - Informationen jederzeit
als public property zur
Verfügung stehen und nicht durch Vorenthaltung zur Waffe werden. Der
Golfkrieg von 1991 hat spätestens gezeigt, daß McLuhans Vision
nicht eingetreten ist, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem
Informationen in einem gewaltigen Ausmaß vorenthalten werden können,
in dem Medien also gerade nicht von ihrer eigenen Vergesellschaftung, sondern
von der ihnen je schon eigenen Bestimmung als Kriegsgerät künden.
Auf
Kriegstechniken - und zwar die des 2. Weltkriegs - kommt McLuhan auch noch in
einem anderen Zusammenhang zu sprechen, in dem sie jedoch positiv bewertet
werden. Und zwar kommt für McLuhan der experimentellen Kunst im Prozeß
der Umstellung auf veränderte Medienverhältnisse die Funktion einer
Art "Frühwarnsystem" oder "Radartechnik" zu. Das
Zentralnervensystem und der Wahrnehmungsapparat des Menschen sollen durch
die ästhetische Erfahrung der
Kunst auf die jeweils bevorstehenden Anforderungen neuer medien- und
kommunikationstechnischer Verhältnisse hin trainiert und vorbereitet
werden. Die technologische Entwicklung ist dabei der gesellschaftlichen
immer schon voraus - und nur der Künstler ist in der Lage, zwischen
beiden Polen zu vermitteln und die menschlichen Wahrnehmungsstrukturen auf das
Niveau der Technik zu heben.
Anders
als in Europa liefern die Theorien McLuhans in Amerika in den sechziger Jahren auch einen Bezugsrahmen für
die theoretische Reflexion über experimentelles Theater . Sam Shepard z.B., damals ein junger Autor und
Mitbegründer des Off-off Theaters Genesis, bezieht sich in einer
Beschreibung des Living Theatre auf den von McLuhan geprägten Begriff des global
village als einer Gemeinschaft, die
weit umfassender sei als die direkt erfahrbare. Die Bedeutung des Living
Theatre sieht Shepard darin, daß es die nationalen und sprachlichen
Begrenzungen des Theaters durchbricht und sich insofern den Massenmedien
annähert, als es seine Produktionen in jedem Land aufführen kann.[8] Richard Schechner, Gründer und Leiter der New
Yorker Performance Group, verwendet McLuhans Terminologie, um die Besonderheit
des Theaters vor dem Hintergrund anderer Medien herauszustellen.[9] Ein Großteil des amerikanischen experimentellen
Theaters versucht, die von McLuhan als Auswirking der neuen Medien
beschriebene, virusartige Verbreitung von Partizipation auf allen
gesellschaftlichen Ebenen zu ihrem eigenen Programm zu machen. Auf die
Forderung Brechts nach einem Theater, das auf der technischen Höhe seiner
Zeit wäre, wird hier in der Weise reagiert, daß das Theater sich die
implizite message der neuen
Kommunikationsmedien, nicht deren
Inhalte und schon gar nicht deren Apparaturen selbst, zu eigen machen - und
somit in einen Wettkampf mit ihnen treten soll. In den Aktionen des Living
Theatre, des Bread and Puppet Theatre und anderer Gruppen sollen Kunst und
Leben verschmelzen und die mit der theatralen Kommunion begonnene Errichtung eines Kollektivkörpers
sich nach der Aufführung zuerst in die Straßen, und dann in die
Gesellschaft hinein fortpflanzen. Der von McLuhan in der Erweiterung von
Gliedmaßen und Zentralnervensystem durch technische Medien bejahten
Dezentrierung des menschlichen Körpers steht im experimentellen Theater
ein Beharren auf diesem als abgeschlossener organischer Einheit entgegen. So
unterscheidet z.B. Schechner zwischen primären und sekundären Medien,
d.h. zwischen Medien, die uns nicht mehr als solche erscheinen, weil sie durch
Gewohnheit zu einem Teil unserer selbst geworden sind (Kleidung, Sprache,
Gestik, Rhythmik), und Medien, die uns von den direkten körperlichen und
räumlichen Beziehungen zu anderen Menschen entfremden (Fernsehen,
Telephon, etc.). Das Theater bewegt sich dabei - als Darstellung direkter
Beziehungen - in den Grenzen des Primärmediums.
Die
Feststellung Rolf Dieter Brinkmanns von 1969: "Der für den
europäischen Bereich charakteristische, anerzogene anti-technische Affekt
ist der neuen amerikanischen Sicht fremd"[10] trifft deshalb nicht auf das experimentelle
amerikanische Theater zu. Im Gegensatz zu anderen Strömungen der
amerikanischen Subkultur der sechziger Jahre, die Medien als Mittel zur
Persönlichkeitserweiterung begreifen - z.B. die Romane William Burroughs
und Thomas Pynchons, die Kunstfabrikation Andy Warhols, die Drogenphilosophie
Timothy Learys und die Rockmusik Frank Zappas - zeichnen sich große Teile
des experimentellen Theaters durch Technikfeindlichkeit aus. Deren Gründe
können zum einen in dem Einfluß vermutet werden, den die um 1960
publizierten Schriften des amerikanischen Kulturtheoretikers Norman O. Brown auf
viele Theaterkünstler ausgeübt haben. Brown propagierte einen
sogenannten dionysischen Körpermystizismus, dem entsprechend der menschliche Leib das Maß
aller Dinge sei, und selbst die wahre Bedeutung der Technik nur durch ihre
verborgene, weil mystisch-symbolische Beziehung zum menschlichen Körper
erschlossen werden könne. Ein anderer Grund mag der Einfluß
Grotowskis auf die Entwicklung des amerikanischen Theaters in den sechziger
Jahren gewesen sein (auch wenn er selbst dort erst 1967 - und zwar in einem
Workshop an der New York University - zum ersten Mal seine Arbeit vorstellte).
Wie Brecht beruft sich Grotowski auf die wissenschaftliche Vorgehensweise des
Physikers Niels Bohr. Dennoch definiert Grotowski sein Theater in deutlicher
Abgrenzung von den Massenmedien Film und Fernsehen als "armes
Theater": d.h. arm auch an technischen Mitteln. Im "armen
Theater" Grotowskis treten Körper und Stimme des sogenannten heiligen
Schauspielers in Idealkonkurrenz zu den Massenmedien. Verkoppeln diese den
Rezipienten jeweils nur wieder mit anderen technischen Medien, soll der
Schauspieler in Grotowskis Theater ein Medium im okkulten Sinne sein, das eine
Direktschaltung zum kollektiven Unterbewußtsein aller am theatralen Ereignis Beteiligten herstellt.
Erzeugen
die technischen Medien Sinn, Bedeutung und Subjekte jeweils nur aufgrund von
Rückkopplungseffekten, sucht das "Medium" Schauspieler Zugang
zur in archaischen Schichten des Bewußtseins vermuteten Essenz des
Menschlichen, die mit dem Zuschauer kommuniziert werden soll. Medien erzeugen
Benutzeroberflächen, auf denen Verbindungen zustande kommen, der heilige
Schauspieler hingegen soll einen von jeglicher Medialität unberührten
und ihr vorausgehenden Wesenskern des Humanen mit dem Publikum teilen.
In
den siebziger Jahren wird nicht nur die Unmöglichkeit einer realen - und
d.h. von jeglichen Vermittlungsinstanzen freien - Präsenz des
Schauspielers (im Sinne von Joseph Chaikins The Presence of the Actor) auf der Bühne zunehmend einsichtig, sondern
zugleich schon der Anspruch darauf als problematisch begriffen; der Versuch,
das Theater zu einem Medium politischer Veränderung zu machen, kann als
gescheitert betrachtet werden; gleichzeitig scheint die Grenze zwischen
unmittelbarer und durch Medien simulierter Realität immer mehr zu verschwimmen.
Dies zeigt sich auch im experimentellen Theater. Der Einbezug von Medien im
Theater stellt kein Porblem mehr dar, sondern diese werden als Ausweitungen der
menschlichen Physis begriffen und anerkannt; zugleich wird auf den politischen
Anspruch des Theaters zugunsten subjektiver Räume zunehmend verzichtet.
Der Schauspieler verliert seine zentrale, die Aufführung zusammenhaltende
Bedeutung. Die Schrift, in den sechziger Jahren durch den Wunsch nach spontanem
und authentischem körperlichen und stimmlichen Ausdruck verdrängt,
wird wieder bestimmend, aber nicht im Sinne einer Rückkehr zu Drama und
Literatur, sondern als aller Wahrnehmung und Kreation jeweils vorgängige
Spur. Das Theater wird zu einer gigantischen paint box, die Medien prägen nicht nur den Stil des neuen
Theaters, sondern werden zu dessen Stilus, einem Schreibgriffel, mit dem der multimediale Inszenierungstext
geschrieben wird. Dies trifft vor allem auf die Arbeiten von Robert Wilson und
Richard Foreman, aber auch auf Meredith Monk, die Mabou Mines Group und Laurie
Anderson zu, in den achtziger Jahren dann auf John Jesurun, die Needcompany,
Robert Lepage und Elizabeth LeComptes The Wooster Group. Ist der Schauspieler
in den sechziger Jahren - z.B. Ryszard Cieslak in Grotowskis Inszenierung des Standhaften
Prinzen - noch ein Medium im
spirituellen Sinne, geht er im experimentellen amerikanischen Theater der
siebziger und achtziger Jahre eine Verbundschaltung mit technischen Medien ein:
diese wird entweder in der Aufführung selbst ironisch zur Schau gestellt
(bei Laurie Anderson, aber auch in den Produktionen der Wooster Group) oder
hysterisch überspielt (Kate Manheim als Rhoda in Richard Foremans
Ontological-Hysteric Theatre: "My fist is an electric microphone").
In der zwischen 1984 und 1988 entstandenen Wooster Group-Version von Gustave
Flauberts Versuchung des heiligen Antonius ist die von Ron Vawter gespielte Rollenpartitur nicht auf dem Wege
einer via negativa im Sinne
Grotowskis, d.h. durch mühevolle Reduzierung der äußerlichen
Eigenschaften einer Figur und Bloßlegung ihres vermeintlich essentiellen
Kerns entstanden, sondern aus verschiedensten Zusammenhängen entrissenen
Fragmenten additiv zusammengesetzt: Vawter deutet spielerisch zugleich den
heiligen Antonius, den amerikanischen stand-up comedian Lenny Bruce und eine von dessen Standardrollen (Frank
Dell) an, ohne jemals in einer dieser Figuren aufzugehen. Darüber hinaus
ist Vawter nicht in einer Einheit von Körper und Stimme auf der Bühne
anwesend, sondern seine physische Anwesenheit durch verschiedenste Techniken
(parallele Videoeinspielungen, Mikrophon) so überdeterminiert und zugleich
dezentriert, daß sie beinahe als Effekt dieser Techniken erscheint.
Gerade durch Verzicht auf den Anspruch, das Theater müsse ein Medium sein,
in dem sich die Wahrheit des Menschen als Epiphanie ereigne, wirkt die
Thematisierung des Todes in der Versuchung der Wooster Group um so ergreifender. Die puristische Ernsthaftigkeit
der Theaterheiligen der sechziger Jahre ist hier dem augenzwinkernden Unernst
von Scharlatanen (im Sinne der amerikanischen medicine show des 19. Jahrhunderts) gewichen.
Die
Grenzlinie zwischen experimentellem Theater und Populärkultur wird vor
allem in den achtziger Jahren durchlässig: aus der New Yorker Kunstszene
Sohos stammend wird Laurie Anderson von einer Solo-Performerin zum
weltbekannten Star der Popmusik; ursprünglich als Theatermonologe
aufgeführte Solostücke von Eric Bogosian (Talk Radio) und Spalding Gray (Swimming to Cambodia) werden von Hollywood-Regisseuren verfilmt und
erreichen so ein Massenpublikum; Schauspieler wie Willem Dafoe pendeln zwischen
experimenteller Theaterarbeit und kommerziellem Film hin und her. Aber der
Transfer zwischen Theater und populärer Kultur verläuft auch
umgekehrt: so wird die Porno-Darstellerin Annie Sprinkle in den achtziger
Jahren zur anerkannten Performance-Künstlerin.
In
einigen Produktionen der achtziger und neunziger Jahre wird das Verhältnis
des Theaters zu Film und Fernsehen - aber auch anderen Medien - szenisch
reflektiert: unter eher metaphysischen Gesichtspunkten in Richard Foremans
Inszenierung Film Is Evil: Radio Is Good von 1987; unter dem Aspekt des Kampfes der
Bühnenfiguren gegen ihre Doppelgänger auf der Leinwand in John
Jesuruns Deep Sleep von 1986;
außerdem in Reza Abdohs Produktion Law of Remains von 1992, in der die Auseinandersetzung mit dem
Serienmörder Jeffrey Dahmer als High Tech-Grand Guignol-Ästhetik
umgesetzt ist, wobei sämtliche zur Verfügung stehenden
bühnentechnischen und audiovisuellen Mittel zur Erzeugung theatralischer
Schockeffekte eingesetzt werden.
Der
Konflikt zwischen Bühne und Film/Video wird in diesen Produktionen direkt
szenisch ausgetragen. Dabei kann es vorkommen, daß die
"elektrifizierte Bühne" selbst zum Sprachrohr einer expliziten
Kritik an Medien und Technik - die plötzlich als unheimliche
Normalität erscheinen - instrumentalisiert werden soll, ohne daß die
mediale Bedingtheit und Beschränktheit der eigenen künstlerischen
Artikulation angemessen reflektiert würde. So verabschiedete sich z.B.
Laurie Anderson mit ihrer Performance Halcion Days zu Beginn der neunziger Jahre deutlich von ihrem
bisherigen ironischen Diskurs, um nun eine direktere Stellungnahme zum
apokalyptischen Stand der amerikanischen Politik in Szene zu setzen. Neben der
Obdachlosenproblematik und der Administration des (seinerzeit längst aus
dem Amt geschiedenen) Präsidenten Reagan bezog sie sich dabei vor allem
auf den Golfkrieg. Andersons Kritik an einem Krieg, der als kontrolliertes
Medienexperiment und seine realen Opfer unterschlagende Computersimulation
durchgeführt wurde, schlug jedoch deshalb negativ auf ihr eigenes Projekt
zurück, weil der Einsatz bühnentechnischer Mittel in ihrer
Aufführung so wenig transparent gemacht wurde, daß auch hier der
Zuschauer zwischen realen und simulierten Aktionen (was geschieht live?, was ist Playback? was wird in diesem Moment
elektronisch verfremdet?) nicht unterscheiden, sondern nur das magische
Spektakel technischer Effekte bewundern konnte.
Oh schmölze
doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging und löst'
in einen Tau sich auf.
(Hamlet, I.2.)
In
den achtziger Jahren hat der technologische Fortschritt mit der Entwicklung von
virtueller Realität und Cyberspace eine neue Dimension erreicht, die durch
Interaktivität zwischen Mensch und Computer charakterisiert ist. Zugleich
erreicht die Entkörperlichung von Wahrnehmung, wie sie mit den Medien des
elektronischen Zeitalters eingeleitet wurde, ihren immateriellen
Höhepunkt. Cyberspace bzw. virtuelle Realität sind nicht länger
mediale Erweiterungen des Zentralnervensystems in einen
außerkörperlichen, realen Raum, sondern schneiden die menschlichen
Sinne vielmehr von äußeren Bezügen ab, welche auf
Datenhandschuhe, Bildschirmbrille und mit Elektroden bestücktem
Abtastanzug reduziert bleiben. Im Cyberspace kommunizieren die
Zentralnervensysteme der Menschen nicht mehr über die taktile, visuelle
und akustische Erfahrung einer materiellen Außenwelt, sondern sind
über eine Software miteinander verkoppelt, welche die als Information
verwerteten Bewegungen des Benutzers in Echtzeit in die Matrix abstrakter
Raumkoordinaten überträgt und dadurch den Eindruck einer
realistischen Fortbewegung innerhalb einer simulierten Welt erzeugt. Verfechter
des Cyberspace, darunter auch Wissenschaftler des renommierten Massachussetts Institute
of Technology[11], sehen in diesem die zentrale Phase im
postindustriellen Übergangsprozeß von einer menschlich-organischen
zu einer sogenannten "cyberpsychologischen", digitalen und
postorganischen Lebensform, die als lebbare Alternative der Existenz in einer
unaufhaltbar der Zerstörung preisgegebenen Welt entgegengesetzt wird: im
paradiesischen Cyberspace nämlich sollen Konflikte friedlich, da ohne
physische Folgen, ausgetragen werden, der Mensch sich nach seinem Idealbild neu
erschaffen können und zudem neue und bislang unvorstellbare
Möglichkeiten des Selbstentwurfes durchzuspielen in der Lage sein.
Nur
über einen kurzen historischen Zeitraum, nämlich nach dem Aufkommen
moderner Medien und vor ihrer globalen Verbreitung, konnte das Theater
überhaupt als eine Kunstform betrachtet werden, die dadurch, daß sie
die fortschrittlichsten künstlerischen Ausdrucksformen und technischen
Errungenschaften szenisch vereinigte, Brechts Forderung nach einem Theater auf
der technischen Höhe der Zeit entsprechen konnte. Die Utopie des Theaters
als eines öffentlichen Raumes, in dem eine Gesellschaft neue Technologien
nicht als spektakulären Bühnenzauber erfahren, sondern sie sich
spielerisch begreifend einverleiben und ihren eigenen rationalen Zwecken
unterwerfen sollte, fand sich zu Brechts Zeit in vielen - überwiegend am
Marxismus orientierten - Theaterarbeiten vor allem der zwanziger Jahre
angedeutet (z.B. Meyerhold, Piscator). Die Eingliederung neuer Techniken in den
Gesellschaftskörper sollte als kontrolliertes Experiment stattfinden und
zu einer Verdichtung der innersozialen Abläufe und stärkeren
Konsolidierung des Gemeinschaftswesens führen. Dieser optimistischen
Haltung entgegen stand die im nachhinein realistischer erscheinende Position
einer expressionistischen Dramatik, in der sich eine deutliche Angstlust vor
der Liquidierung verbindlicher sozialer Strukturen als Folge eines
sämtliche Lebensbereiche durchdringenden Vormarsches neuer Techniken
aussprach.
Die
Theaterbewegung der sechziger Jahre noch setzte sich den einer als entfremdet
begriffenen Gesellschaft dienenden Massenmedien selbst als fortschrittlichstes
Medium revolutionären Wandels entgegen. Die politischen Hoffnungen einer
Theateravantgarde, die von der Realisation eines kollektiven, durch Partizipation
und Festivalkultur charakterisierten Gesellschaftskörpers träumte,
scheiterten jedoch. Damals hat das Theater den Wettkampf mit den
Kommunikationstechnologien um die gesellschaftliche Vormachtstellung als die
Gesellschaft zusammenführendes und mit sich selbst vermittelndes Medium
aufgegeben - und stattdessen die neuen Medientechniken zu theatralen
Ausdrucksmitteln gemacht. Diese wurden nun als Normalität akzeptiert,
wobei sie nicht mehr einer sozialen Bewußtmachung, sondern lediglich der
Erzeugung ästhetischer Texte dienten.
Nach
einer Periode des kritischen, aber konstruktiven Umgangs mit technischen
Apparaten im experimentellen Theater, einer späteren Phase, in der es
versuchte, die Botschaft, die McLuhan den Massenmedien unterstellte, diesen
streitig zu machen, und einer darauffolgenden Naturalisierung der
Medienverhältnisse im Theater gibt es heute Versuche, es wieder auf den
aktuellen Stand der technischen Entwicklung zu bringen, indem es nicht mehr in
Differenz zu Medientechnologien treten, sondern nahtlos in diesen aufgehen
soll. Seth Goldstein, Mitarbeiter der Byrd Hoffman Foundation in New York, hat
zu Beginn der neunziger Jahre in Zusammenarbeit mit Informatikern und der
Computerfirma Macintosh ein Programm entwickelt, das einen interaktiven Zugang
zu dem auf CD-Rom archivierten Werk Robert Wilsons bieten soll, so daß
dessen Gesamtwerk und das anderer Künstler (u.a. des Choreographen William
Forsythe) im darstellerischen Bereich langfristig als Hypermedium begehbar sein
werden - d.h. als verschiedene Medien (Skizzen, schriftliche Aufzeichnungen,
Filmausschnitte, etc.) verknüpfender Datenraum, durch den der jeweilige
Anwender seinen eigenen Wissenspfad bahnen kann. Obwohl primär zu
Dokumentationszwecken konzipiert, legt dieses Programm eine Zukunft nahe, in
der Theaterkünstler erst gar nicht mehr auf eine Aufführung
hinarbeiten, sondern ihr Material von vorneherein auf die spätere
Verwertbarkeit in einem interaktiven Medium ausrichten.
In
der Januar-Ausgabe 1994 der New Yorker Zeitschrift The Drama Review werden die Anwendungsmöglichkeiten des
Hypertextes auf dem Computer als Fortsetzung von Schechners partizipatorischem environmental
theatre der sechziger Jahre
zelebriert, bei dem der Rezipient während der Aufführung die
Möglichkeit haben sollte, seine eigene Position im Raum frei wählen
und in die Inszenierung eingreifen zu können, wie dies ja bereits die
Lehrstücktheorie Brechts vorgesehen hatte. Bei dem Vergleich von Hypertext
und experimentellem Theater der sechziger Jahre wird jedoch nicht berücksichtigt,
daß es in diesen Theaterversuchen u.a. um die Erfahrung eines
irreduziblen Restes an sozialer Realität ging, der in dem Wissen um die
körperliche Anwesenheit anderer Menschen bestand. Selbst wenn z.B. der
Rezipient in das Geschehen eingreifen und damit sowohl den Aufführungstext
als auch den Bühnenraum mitgestalten konnte, war das szenische Resultat im
besten Falle ein Kompromiß zwischen dessen Handlungsintention und den
durch die konkrete Situation bedingten Möglichkeiten. Im Gegensatz zum Cyberspace,
in dem das Individuum seine Phantasmen gänzlich in eine virtuelle
Wirklichkeit überführt, stellt sich die Erfahrung der
Spontaneität der Leiber und der Unvorhersehbarkeit interaktiver Prozesse
der Verschmelzung mit den Wunschbildern des Theaterzuschauers widerspenstig
entgegen. Anzumerken ist hierzu jedoch, daß auch im virtuellen Raum
die Grundmatrix für Orientierung, Bewegung und Tastempfindung letztendlich
die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers als koordinierter sensomotorischer
Einheit bleibt, woraus folgt, daß auch die neuesten Entwicklungen im
Computerbereich stets den Außenbezug des Körpers zur Grundlage haben
müssen und die magischen Verheißungen einer immateriellen Zukunft
allerspätestens hier verpuffen.
Zu
dem Eindruck, daß wir alle Bewohner desselben globalen Dorfes sind, hat
seit den achtziger Jahren nicht nur die internationale Medienvernetzung
beigetragen, sondern auch die Verbreitung "globaler Viren", die
dieses Dorf heimsuchen: HIV, wirtschaftliche Rezession, fundamentalistische
Strömungen jeglicher Richtung, die ökologischen Folgen der
Industrialisierung. Auch wenn man mit solcherart Viren unmittelbar konfrontiert
sein mag, ist man über sie hauptsächlich durch Medien informiert, was
ihnen eine gespenstische Dimension verleiht. Wirken die Medien kraft ihrer
Eigenschaften auf die Wahrnehmung dahingegend ein, daß das Leben auf den
bloß gegenwärtigen Moment bezogen, der Körper als dezentriert
zu verschwinden und der physische Tode aufgehoben scheinen, stellen die Viren
diese Botschaft der Medien radikal in Frage, indem sie eine unheimliche, weil
in ihrer Wirklichkeitsgeltung nicht einzuschätzende Bedrohung der
individuellen Existenz darstellen.
Auch
wenn die Elektrizität die Menschheit zu einem den Erdball umspannenden
Wahrnehmungs- und Kommunikationsfeld zusammengeschlossen hat, bedeutet der
Eintritt in eine integrierte und ganzheitliche Weltgemeinschaft nach dem Muster
archaischer Stammesverbände (wie sie McLuhan vorschwebt) noch nicht,
daß damit auch eine Rückkehr zu Ritualen vollzogen sein, die den Tod
zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung machen. Vergleichbares gilt für
Brecht, der in seinen Lehrstücken (z.B. der Maßnahme) versucht, das Sterben aus dem subjektiven
Erfahrungsbereich des je Einzelnen wegzurücken und zur Angelegenheit eines
in diesem Falle nicht mythisch, sondern materialistisch gedachten Kollektivs zu
machen, das die Auslöschung des Individuums vollzieht - ohne daß
sich auch hier der Konflikt dramatisch auflösen ließe. Die
Erkenntnis dessen, daß das eigene Sterben durch keinen anderen abgenommen
werden kann, markiert die Grenze, an der das Aufgehen in einem
entindividualisierten Kollektiv, einer elektrifizierten Stammeskultur, aber
auch einer postorganischen virtuellen Realität letztlich scheitern
muß.
Im
Theater ist mit der Anwesenheit lebendiger Körper auf der Bühne und
im Zuschauerraum auch der Tod als bevorstehendes Ereignis jederzeit
möglich. Andere Kunstformen und Medien (z.B. Film und Photographie)
repräsentieren einen abwesenden und immer schon potentiell aus dem Leben
geschiedenen Körper, so daß der Tod hier nicht mehr als
zukünftiges, sondern immer schon vergangenes Ereignis impliziert ist.
Während der Tod im Cyberspace und in interaktiven Medien keine Spuren
hinterläßt, kann er im Theater jeden Augenblick auf- bzw. eintreten.
Selten
jedoch wurde dieses Moment des Theaters so direkt zum zentralen Topos eines
Projektes wie in den Philoktet Variationen, die im März 1994 im Kaai-Theater in Brüssel aufgeführt
wurden. Ron Vawter, schon erwähntes Ensemble-Mitglied der Wooster Groop,
war nicht nur Initiatior, sondern auch Hauptdarsteller dieser Produktion.
Vawter verwandte den Mythos des Philoktet - dessen durch den Biß einer
Schlange verursachte Wunde einen derartigen Gestank verbreitet haben soll, daß
das Griechenheer ihn auf dem Weg nach Troja auf einer Insel aussetzte - als
Metapher für die theatralisch-autobiographische Auseinandersetzung mit der
eigenen Aids-Erkrankung.
Diese
offene Zurschaustellung des Umganges mit dem eigenen, bevorstehenden Tod ist
jedoch nicht unbedingt ein Anzeichen dafür, daß das Theater das
privilegierte Medium der Zukunft sein wird, uns das Sterben zu lehren.
Vielleicht kann eine der Grundbedingungen von Theater, daß uns
nämlich auf der Bühne ein immer schon Sterbender gegenüber
steht, nur deshalb so scham- und schonungslos in Szene gesetzt werden, weil das
Theater hier seinen eigenen Tod stirbt, der mit dem Ende des menschlichen
gesetzt ist.
Ich
habe bislang Brechts Forderung nach einem Theater, das auf der technischen
Höhe seiner Zeit sei, auf die neuesten Entwicklungen im Medienbereich
bezogen. Die Position der fortgeschrittensten Wissenschaft hingegen, in der
Brecht 1939 die Atomphysik sah, wird heute von der biogenetischen Forschung
eingenommen. Die wichtigsten naturwissenschaftlichen Experimente finden heute
im Bereich der Genetik statt, als Eingriffe, die nicht nur unsere Wahrnehmung
und unsere Lebensweisen, sondern die biologische Grundstruktur von Leben selbst
verändern werden. Natur wird in Bausteine zerlegt und kann so zum Material
einer Kombinatorik werden, die diese Bausteine zugleich mit Maschinen koppelt.
Damit wird eine Zukunft denkbar, in der der Tod nicht mehr der naturgegebene
Verschleiß des Körpers, sondern nur das Resultat einer
nachlässigen Wartung der Bio-Maschine oder von deren mutwilliger
Zerstörung sein wird. Der Begriff eines Experimentes, das an den
biologischen Grundstrukturen unserer Existenz ansetzt, kann vom Theater nicht
mehr eingeholt werden. Wo Realität in ihren genetischen Codes manipulierbar
wird, verschwindet der Unterschied zwischen Maske und Person, zwischen Mensch
und Maschine völlig. Der deus ex machina ist dann nicht länger ein dramaturgisches
Verfahren, um eine letztlich unwahrscheinliche Wendung herbeizuführen,
sondern ein Eingriff in die reale Beschaffenheit der Welt.
Brechts
Theater geht noch davon aus, daß technische Apparate (z.B. in den
Lehrstücken) durch den Menschen kontrolliert eingesetzte Mittel zur
Erreichung gesellschaftlich vernünftiger Zwecke sind. Darüber hinaus
sollen sie im Theater zu einer besseren Repräsentation der sozialen
Realität beitragen. Heute jedoch verdankt sich der Vormarsch neuester
Medientechnologien noch in die feinsten sozialen Mikrostrukturen hinein nicht
mehr primär ihrer funktionalen Verwendbarkeit, sondern vor allem der
Bedeutung, die ihnen im libidinalen Haushalt und Alltag ihrer Benutzer zukommt.
Im Zeitalter der optimalen ästhetischen Gestaltung der
Benutzeroberfläche, d.h. der Schnittstelle von Technik und Mensch, wird
das Medium zunehmend zum Genußmittel und zur Wunschmaschine, ohne
daß seine Funktionsweise noch länger einsichtig und nachvollziehbar
wäre (Norbert Bolz).
Die
Naturalisierung der Medien in unserer Alltagswelt auch für die Produktion
und Ästhetik des Theaters vollzogen zu haben, kann als das besondere
Verdienst der Wooster Group gelten. In der multimedialen Arbeit dieses
Ensembles ist es gelungen, eine fein aufeinander abgestimmte Behandlung von
Körpern, Klängen, Objekten, Raum und technischem Gerät zu
erreichen, die im Zusammenspiel erst theatrale Ideen, Bilder und Affekte
erzeugen. Dies erfordert eine spezielle Spielweise, bei der die Schauspieler
ihre mediale Reproduzierbarkeit, Zerstreuung und Aufsplittung innerhalb des
szenischen Tableaus akzeptieren. Im Gegensatz zu einer Darstellungsweise, bei
der der Schauspieler seine individuelle Einzigartigkeit z.B. gegen die
Präsenz eines Monitors auf der Bühne zu behaupten versucht (und dabei
häufig "unterliegt"), erzeugt das Spiel der Wooster Group eine
freischwebende Aufmerksamkeit des Rezipienten für sämtliche die
Inszenierung konstituierenden Ebenen. Das Theater der Wooster Group
verhält sich jedoch nicht affirmativ zur technologischen Entwicklung,
sondern trägt den Konflikt zwischen Mensch und Technik durch den
Rückgriff auf Stoffe, die das Begehren nach Intensität und
unmediatisierter Erfahrung thematisieren, immer wieder szenisch aus.
Paradoxerweise - wie bereits am Beispiel von Cyberspace und Interaktivität
gezeigt - liegt auch dem Erfolg der neueren Medientechnologien ein Bedürfnis
nach intensiver, unmittelbarer Erfahrung zugrunde. Die Technik selbst
vermittelt "neurale" kicks
und perfect moments (Thema der
autobiographischen Monologe des Wooster
Group-Mitgliedes Spalding Gray), aber durch die Vernetzung des
Zentralnervensystems mit den Medien werden der soziale Körper und die mit
ihm verbundenen Konflikte - die Realität außerhalb der Apparate -
nicht zum Verschwinden gebracht.
In
den fünfziger Jahren entwickelte der französische Marxist Henri
Lefebvre eine Kritik des Alltagslebens.[12] Lefebvre, der in Brechts epischem Theater mit der
Verwendung des Verfremdungseffektes eine Kritik der Alltäglichkeit
realisiert sah, die deren Widersprüche beleuchtete, forderte, daß es
sehr genau zu untersuchen gelte, wie die im Alltagsleben eingesetzten Techniken
in dieses eingreifen und es verändern. (Dadurch angeregt versuchten die
französischen Situationisten um Guy Debord, durch die Konstruktion von
Situationen das Alltagsleben zu "verfremden".)
Die technologische Entwicklung der Medien ist sicherlich unaufhaltsam. Infragezustellen ist jedoch ihr gegenwärtiger Status. In ihrer scheinbaren Normalität sind sie bekannt, aber in ihrem Einwirken auf unser Alltagsleben nicht erkannt. Bei Brecht war das experimentelle Theater noch Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Technologie, wobei diese das Tempo bestimmte und das Modell vorgab. Auch wenn das experimentelle Theater heute um die Auseinandersetzung mit der Technik nicht herumkommt, sollte seine Funktion nicht darin bestehen, mit der Entwicklung von Technologien, mit denen es nur beschränkt kompatibel ist, Schritt halten zu wollen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, inwieweit das Theater auf der Suche nach neuen ästhetischen Formen, nach institutioneller Kreativität und einer Neubegründung der sozialen Praktiken eine wichtige Funktion erfüllen kann. Wie kann das Theater zu einer "Stätte der Erfahrung" werden, die zur Ausprägung individueller Lebenskünste und singulärer Wahrnehmungsweisen beiträgt, die es dem Menschen ermöglichen, "sich und die Welt zu meistern"[13]?
[1]Bertolt Brecht. "Über experimentelles
Theater." In: Werke. Schriften 2.1. Große kommentierte
Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 22, 549.
[2]ebd., 544.
[3]ebd., 542.
[4]Marshall McLuhan. Die magischen Kanäle. Düsseldorf; Wien; New York; Moskau: ECON Verlag,
1992, 12.
[5]Brecht. "Radiotheorie." In: Gesammelte
Werke 18. Schriften zur Literatur und Kunst 1. Frankfurt/M.:
Suhrkamp, 1967,
133.
[6]ebd., 129.
[7]Marshall McLuhan und Quentin Fiore. Das Medium ist
Massage. Frankfurt; Berlin; Wien:
Ullstein, 1969 und 1984, 22ff.
[8]zit. in: Jens Heilmeyer und Pea Fröhlich. Now.
Theater der Erfahrung. Material zur neuen amerikani- nischen
Theaterbewegung. Köln: DuMont
Schauberg, 1971, 53ff.
[9]ebd., 191ff.
[10]zit. in: R.D. Brinkmann und R.R. Rygalla (Hg.). Acid.
Neue amerikanische Szene.
Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 1969, 382.
[11]vergl. Michael Benedikt (Hg.). Cyberspace. First
Steps. 2. Aufl. Cambridge; London:
MIT Press, 1992. Siehe hierzu aber auch die spätere, ebenfalls bei MIT
erschienene Textsammlung Immersed in Technology. Art and Virtual
Environment (hg. v. Mary Anne Moser,
1996), die sich auf neun Cyberspace- Projekte bezieht, die im Mai 1994
während des Art and Virtual Environments Symposium in Banff/Kanada
vorgestellt wurden.
[12]siehe Henri Lefebvre. Kritik des Alltagslebens. Bd.
1. München: Hanser, 1974.
[13]Brecht. "Über experimentelles Theater",
557.